In einer Woche segeln lernen an der Ostsee
Grömitz. Als Kind gab es für mich im Urlaub an der Ostsee nichts Schöneres als Sandburgen bauen und Drachensteigen lassen. Jetzt, mit 32 Jahren, will ich endlich auch mal mit einem Segelboot die große Freiheit genießen. So schwer kann der erste Schritt auf die Planken doch nicht sein. Gesagt, getan – und zum Segelgrundkurs in Grömitz, in der Segelschule „Blauer Peter“ angemeldet. Fünf Tage, dann bin ich seefest und habe den Segelgrundschein in der Tasche. Die Freude überwiegt und verscheucht schnell den Gedanken, ob ich wohl seekrank werde. Die Profis in den mehr als 30 Segelschulen an der Ostsee Schleswig-Holstein wissen, wie man ein guter Seefahrer wird. Zwischen Flensburg und Travemünde bieten sie Schnupper- und Anfängerkurse an und begleiten Landratten an ihren ersten Tagen auf See (www.segelkueste.de).

Segeln lernen. FOTO: Ostsee-Holstein-Tourismus
Auch mir haben sie den Einstieg leicht gemacht…
Erster Tag:
Gut gelaunt erscheine ich zur ersten Theoriestunde. Und mit mir noch fünf kleine und große Landratten. Als erstes sollen wir erfahren, wie ein Segelboot aufgebaut ist und was man damit machen kann. Schwer genug für den Anfang, wenn man noch nie von Steuerbord, Großsegel und Fockschot gehört hat. Doch das lernen wir noch intensiver, wenn wir gleich auf dem Boot sind, verspricht unser gut gebräunter Segellehrer Jan. Heute schon? Sicher, denn Segeln lernt man nur beim Segeln!, ist seine Auffassung und die seiner Kollegen.
Also Schwimmwesten angezogen und an Bord gegangen. Auf mich wartet eine kleine grüne Jolle namens „Hecht“. Unter Anleitung bereiten wir die Segelboote vor und setzen zum ersten Mal die Segel, erst das Vorsegel, dann das Großsegel hinterher. Was für eine kipplige Angelegenheit, mein Mitsegler Klaus hätte durch seine unvermittelte Gewichtsverlagerung unser Boot fast zum Kentern gebracht.
Doch Glück gehabt, wir segeln trocken mit dem Segellehrer raus auf die Ostsee. Einfach toll! Die Zeit vergeht wie im Flug und viel zu schnell heißt es wieder ‚Segel bergen’. An Land, wieder festen Boden unter den Füßen, ist die Segeltour noch nicht vorbei. Das Boot wird abgetakelt (so sagt man), die Segel werden zum Trocknen in die Sonne gelegt und verstaut. Was auffällt: Alle Segelnovizen haben eine gesunde Gesichtsfarbe und ein fröhliches Lachen auf den Lippen, das sagt: Gut war es, Spaß hat es gemacht, morgen auf ein Neues! Fazit des Tages: Man muss sich auf seine Crew zu hundert Prozent verlassen können.
Zweiter Tag:
Unglaublich, heute bin ich mit leichtem Muskelkater in den Beinen aufgestanden. In der Segelschule treffe ich auf all meine Mitmatrosen, keiner hat die Segel gestrichen – gut so! Am Himmel türmen sich dunklere Wolken, der Südwest-Wind hat merklich aufgefrischt. Jan kündigt an, den praktischen Teil ins geschützte Hafenbecken zu verlegen. Sonst ist es für uns Anfänger (also bitte!) zu gefährlich. Doch erstmal kommt wieder ein theoretischer Teil: Heute steht Knotenkunde auf dem Lehrplan. Wir beginnen mit dem einfachsten Knoten, dem „Achterknoten“, und steigern uns zum „Belegen einer Klampe“ und dem „Webeleinstek“. Wir üben so lange, bis auch der letzte Knoten für heute sitzt.
Nachmittags wollen wir das erste Mal eine Wende fahren. Das heißt, mit dem Bug, dem vorderen Teil des Schiffs, durch den Wind. Erst das Boot so stellen, dass das Vorsegel schlaff flattert, Gewichtsverlagerung und Vorsegel überholen – ganz einfach. Und noch was gelernt: Klar zur Wende – Ist klar – Ree! Ohne eindeutige Kommandos geht an Bord gar nichts. Leider regnet es in Strömen, heute gehen wir alle mit nassen Füßen nach Haus. Fazit des Tages: Die Natur bestimmt das Geschehen an Bord, man muss sich auf sie einstellen.
Dritter Tag:
Dieser Tag lädt zum Segeln ein: Blauer Himmel, Sonnenschein und der notwendige Wind ist auch dabei. Wir wollen am liebsten gleich rauf aufs Wasser. Vorfahrtsregeln? Das Meer ist groß, da kommt man sich doch nicht in die Quere. Oh doch, sagt Jan. Es gilt „Luv weicht Lee“ und „Backbordbug vor Steuerbordbug“. Sonst kracht’s. Die Regeln müssen in Fleisch und Blut übergehen. Stimmt, wenn ich erst überlegen muss: Wo ist „Luv“, die dem Wind zugewandte Seite? Ist Steuerbord rechts? Dann kann es schon zu spät für mich und alle anderen sein.
Nach der Mittagspause üben wir den „Aufschießer“, das Bremsen. Danach geht’s beim Halsen mit dem Heck durch den Wind. Jan ist nicht glücklich mit meinem „Halsen“ (das gibt’s doch nicht!) und lässt mich immer und immer wieder proben. Übung macht eben den Meister. Und so halse ich und halse ich, als wenn es nichts Besseres gäbe, bis auch mir es glückt. Fazit des Tages: Segeln ist einfach schön!
Vierter Tag:
Langsam werden wir nervös: die Prüfung rückt näher und näher! Segellehrer Jan spricht uns Mut zu und erklärt uns noch mal die verschiedenen Windrichtungen. Halber Wind – von der Seite, Am Wind – schräg von vorne, Raumer Wind – schräg von hinten. Auch das wird morgen in der Prüfung abgefragt. „Alles kein Problem“, sagt Jan, „wir kriegen euch schon auf Vordermann.“ Und er behält recht, so langsam weiß ich die Antwort auf alle Fragen. Aber nun genug der Theorie – wir wollen rauf aufs Wasser!
Mein Mitsegler Klaus hält den mentalen Druck nicht aus und steigt aus. Glücklicherweise springt für ihn schnell meine Freundin Petra ein, sie ist schon mal gesegelt. Unsere Segel mit den Schleswig-Holstein-Farben flattern im Wind. Wir sind stolz auf uns, genießen die Ruhe auf dem Wasser und das Gefühl des Gleitens. Fazit des Tages: Wir sind stolz auf unser Können!
Fünfter Tag:
Heute treffen wir uns zum letzten Mal zu unserem lieb gewonnenen „Trainingsprogramm“, und die Prüfung steht an. Wir bestehen alle mit Bravour. Zum Abschluss geht es auf große Fahrt. Jan zeigt uns, was Segeln in seiner Rein-, aber auch Extremform bedeutet. Einfach aufregend ist es, spannend und schön zugleich! Wir schwören uns, irgendwann auch einmal so segeln zu können und glauben nach dieser Woche fest an uns. Eine erlebnisreiche Zeit geht zu Ende, ich habe viel gelernt, jede Menge Spaß gehabt und vor allem ein neues Lebensgefühl kennen gelernt! Fazit des Tages: Ich hätte nie gedacht, dass gerade ich Landratte einmal ein richtiger Seebär werde.
Leinen los und Schiff ahoi! Alle Angebote und Veranstaltungen rund ums Segeln an der Ostsee und in der Holsteinischen Schweiz sind im Internet unter www.segelkueste.de abrufbar. KW